Sonntag, 30. Oktober 2016

Döbeln: Dumpfe Reichsbürger-Hetze bei der BILD-Zeitung



Vergangenen Dienstagabend hatte es in einem Mehrfamilienhaus in Döbeln gebrannt. Ein Kinderwagen im Flur vor der Wohnungstür einer „syrischen Großfamilie“ war in Flammen aufgegangen. Vermutlich war es Brandstiftung, aber warum und von wem ist nach wie vor unklar, da es ganz verschiedene Motive dafür geben kann. Ob es wirklich den ausländischen Besitzern des Kinderwagens galt, ist auch noch völlig offen, denn es wäre nicht das erste Mal, daß irgendwer einfach nur so aus Jux an irgendwas zündelt, was gerade greifbar ist.

plumpe BILD-Hetze, widersprüchlich und ohne Belege


Doch weil die Besitzer des Kinderwagens Ausländer sind, kann es sich bei dem Feuer ja nur um eine ausländerfeindliche Tat handeln – so die Logik von Medien und leider nicht selten auch von Polizisten oder Staatsanwälten. Die BILD-Zeitung konstruierte daraus eine Riesenschlagzeile mit dem plumpen Tenor „Reichsbürger-Anschlag auf syrische Familie?“. Reichsbürger-Dresche ist der Mainstream-Medien neuestes Lieblingskind seit den ominösen Vorgängen von Georgensmünd, da will natürlich auch BILD gerne Öl ins Feuer gießen und das Thema am Kochen halten.

Die Polizei nahm vor Ort zunächst einen Mieter des Hauses fest, der eine Etage über der syrischen Sippe wohnt. BILD-Reporter hatten offenbar in üblicher Manier Nachbarn ausgehorcht und berufen sich nun auf deren Aussagen, daß der festgenommene Verdächtige „Flaggen des großdeutschen Reichs“ in seiner Wohnung habe, „Marschmusik“ höre und die „Bundesrepublik“ ablehnen würde. Jegliche Belege dafür fehlen, aber BILD reichte das Nachbarpalaver trotzdem, um den Mieter als Rechtsextremisten und Reichsbürger abzustempeln. Ob Nachbarn das überhaupt gesagt haben oder alles frei erfunden ist, weiß auch niemand. Jeder Nachbar denkt jetzt wohl, der andere hätte es gesagt…

Neben fehlenden Belegen glänzt BILD auch mit klaren Widersprüchen, denn im Folgeartikel am nächsten Tag, wo sich die „armen syrischen Opfer“ ausheulen durften, wurde der festgenommene Verdächtige vom syrischen Familienoberhaupt überraschend als „freundlich“ geschildert. „Erst war er freundlich, kam immer auf unsere Terrasse und wollte mit mir Bier trinken“, wird Hussam A. in BILD zitiert. Diese Aussage spricht ganz klar dagegen, daß der Verdächtige ein genereller Ausländerhasser ist, denn ein solcher würde von Anfang an nicht freundlich zu Kanaken sein und sicher auch kein Bierchen mit Kanaken trinken wollen.

Daß die Stimmung laut Hussam A. später „gekippt“ sei, hat sicher nichts mit Ausländerhaß zu tun, denn Henry K. regte sich überhaupt nicht über die generelle Anwesenheit der Syrer auf, sondern lediglich über deren Wohnverhalten. So wird eine ominöse Nachbarin in BILD zitiert, daß der Verdächtige immer wieder die Polizei gerufen habe, „zum Beispiel wenn die Kinder die Türen geknallt hatten“. Auch das ist widersprüchlich: Ein echter Reichsbürger, der den Staat ablehnt, würde wohl kaum die Polizei dieses Staates rufen. Schon gar nicht wegen Banalitäten. Dieses Verhalten spricht gegen die Behauptung von BILD, daß der Betroffene ein „Reichsbürger“ sei.

Aber BILD arbeitet auch mit einem raffinierten Journalistentrick: Hinter falsche Behauptungen wird einfach ein „?“ gesetzt oder ein „mutmaßlich“ vorangestellt, um juristisch nicht belangt werden zu können. Das „?“ oder „mutmaßlich“ bleibt aber nicht beim Leser hängen, sondern nur die große Schlagzeile mit „Reichsbürger“ und „Anschlag“. So konstruiert man mit Lügen und Falschbehaupten eine Story!

Aus den Schilderungen ergibt sich alles andere als ein genereller Haß von Henry K. auf die unter ihm lebende Großsippe. Vielmehr schien der Mann von dem Trubel, den so eine Großsippe nun mal mit sich bringt, einfach genervt gewesen zu sein. Was aber noch lange kein Indiz für eine Brandstiftung ist, denn solche Szenarien genervter Nachbarn spielen sich in vielen Mietshäusern tagtäglich ab, gerade dort wo fremdländische Großsippen ihre eigenen kulturellen Gebräuche ausleben.

Interessant ist, daß zum Beispiel die Sächsische Zeitung nicht generell von nur einem Täter ausgeht, denn dort war in der Erstberichterstattung von „Unbekannten“, also Mehrzahl, die Rede. Über eine politische Gesinnung des vorübergehend festgenommenen Tatverdächtigen berichtet die SZ gar nichts, sie unterstellt auch keinerlei Reichsbürgergedöns. Ein sicherer Hinweis darauf, daß sich BILD das alles selbst zusammengereimt hat, weil es aktuell gerade gut in die offizielle PR paßt. 

Solche Fakten verschweigt BILD lieber...


Bei der BILD-Zeitung endet die Geschichte mit einer großen weinerlichen Opferstory. Darüber, daß der Tatverdächtige schon am Donnerstag gegen Meldeauflagen wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, berichtete nur die SZ. Die BILD-Zeitung verschweigt diese Tatsache ihren Lesern bis heute. Kein Wunder, denn wer trotz eines solchen Verdachts wieder auf freien Fuß gesetzt wird, könnte zwar möglichweise der Täter sein, aber ganz sicher kein „Reichsbürger“ mit Ausländerhaß als Motiv, denn dann müßte ja befürchtet werden, daß der Mann seine Tat noch mal begehen wird.

Die einseitige, propagandistisch gefärbte Berichterstattung der BILD-Reporter Klug, Bartsch und Langner ließ gezielt alles außer acht, was den Tatverdächtigen entlasten könnte. So auch einen ganz naheliegenden Grund, warum der Mann die Tat nicht begangen haben könnte: Weil er selbst dort wohnt und wohl kaum sich selbst die Bude überm Kopf abfackeln würde. 

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