Montag, 8. Juni 2015

Verbrauchersendungen und das Märchen vom geilen Geiz



Sicher hat jeder schon mal einer dieser zahlreichen Verbrauchersendungen im Fernsehen gesehen, z.B. die „Markt“-Sendungen der öffentlich-rechtlichen Bedürfnis- Anstalten wie etwa „Markt im Dritten“, „Marktcheck“ oder „Markencheck“. In jeder dieser Sendungen geht es um Dinge des täglichen Bedarfs von Essen bis Kleidung. Da werden dann meist sehr subjektive „Tests“ durchgeführt und immer wieder wird dabei das Märchen vom geilen Geiz aufgetischt. Es wird unterstellt, daß wir alle immer nur das Billigste kaufen wollten.



Doch wollen wir das denn wirklich? Oder bleibt uns kaum eine andere Wahl? – Die wahrheitsgemäße Antwort auf diese Frage hört man in all den Verbrauchersendungen niemals. Sie lautet: Immer mehr Bürger unseres einstigen Wirtschaftswunderlandes haben einfach nicht mehr genug Geld, um teuer und hochwertig einkaufen zu können!



Diese Botschaft wollen die Medien aber lieber nicht bringen, denn dann würde sich automatisch die Frage stellen, woran das denn liegt, daß ausgerechnet in einem früheren Hochlohnland immer mehr Bürger darauf angewiesen sind, die Dinge des täglichen Lebens möglichst billig zu bekommen. Bei den „zufälligen“ Passanten-Umfragen in solchen Verbrauchersendungen kommen auch niemals Leute zu Wort, die ganz ehrlich sagen, daß ihr Einkommen nicht mehr reicht, um so viel wie früher für alles auszugeben. Gibt es solche Leute in unserem ach so reichen Land etwa nicht oder werden sie ausgeblendet, weil das sonst in die falsche Richtung ginge?



Fakt ist, daß die Verarmung der Gesellschaft seit der letzten Währungsunion (Zwangseinführung des Euro) vor dreizehn Jahren stark zugenommen hat. Trotz anderslautender Wirtschaftsmärchen in allen einschlägigen Massenmedien hat sich nur unser Einkommen halbiert, nicht aber das Preisniveau. Die berühmte Schere zwischen Arm und Reich ist durch die Euro-Einführung definitiv stärker als je zuvor  auseinandergegangen. Der Mittelstand, der einst die große Masse unseres Volkes ausmachte, ist stark geschrumpft und droht – wie in den USA – in den nächsten Jahren zu verschwinden. Damit bleiben automatisch nur noch Menschen übrig, die sich entweder nur ganz Billig oder ganz Teuer leisten können.



In den Verbrauchersendungen finden wir zu diesem Dilemma überhaupt keine Aussagen. Dort wird nur darüber lamentiert, daß die armen Näherinnen in Fernost unfair bezahlt würden. Aber was sollen wir denn sagen? Werden WIR denn fair bezahlt? Oder ist es nicht so, daß die Machtelite auch hier bei uns dafür sorgt, daß unsere Einkommen im Verhältnis immer weiter schrumpfen? Zum Beispiel wegen des immer größeren Konkurrenzdrucks durch fremde Arbeitsnomaden aus dem Ausland. Oder durch den staatlichen Sozialabbau, der uns dazu zwingt, auf eigene Kosten immer mehr private Vorsorge zu treffen. Oder durch die Verlagerung von Produktionen ins Ausland, die Massenarbeitslosigkeit hervorruft.



Nehmen wir das Beispiel Kleidung: Die wird bei uns in Deutschland quasi gar nicht mehr hergestellt. Eigentlich müßten wir alle nackt herumlaufen. Alle maßgeblichen Konzerne haben ihre Produktion nach Fernost ausgelagert und hier bei uns jede Menge Arbeitsplätze dafür gestrichen. Haben Sie auch nur ein einziges Mal in einer dieser tollen Verbrauchersendungen den Appell vernommen, daß die Produktion endlich wieder nach Deutschland zurückgeholt werden soll?



Natürlich nicht. Was sollen wir auch mit Arbeitsplätzen? Wir sind ja viel zu „teuer“. Daß wir das früher auch schon waren und viel besser davon leben konnten, als heute, das wird verschwiegen. Daß z.B. unser Rentensystem bislang nur deshalb noch funktioniert, weil die Arbeitsplätze früher HIER waren und wir HIER gut verdienen konnten, davon will auch keiner mehr was hören. Mit den Näherinnen in Fernost lassen sich einfach höhere Profite machen. Selbst wenn die nach ihren Maßstäben absolut FAIR bezahlt würden, wären sie immer noch hundertmal billiger als wir. DIE haben allerdings auch keine Absicherung für Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter. Im „Fairness-Urteil“ der Markenchecks spielt das allerdings keine Rolle. Bloß nicht für ein Sozialsystem plädieren, welches die Machtelite hier bei uns gerade beseitigen will.




Zurück zu den Klamotten: Haben wir überhaupt eine Wahl, für mehr Geld bessere oder fairer hergestellte Ware zu bekommen? Die ernüchternde Antwort, die von den Verbrauchersendungen unbewußt auch zugegeben wird: Nein. Denn alle Hersteller lassen in Fernost nähen, die Qualitätsunterschiede sind marginal. Teure Markenklamotten für Wucherpreise sind oftmals kaum besser als billige No-Name-Sachen vom Discounter. Diese Erfahrung wird wohl jeder schon gemacht haben, der sich mal was Gutes gönnen wollte. Bei der Elektronik ist das ja kaum anders. Mal abgesehen davon, daß Billighersteller aus Japan oder China einfach nur die Namensrechte ehemaliger deutscher Qualitätsunternehmen gekauft haben und ihren Elektroschrott nun unter einst glanzvollen Namen wie Metz, Grundig, Loewe o.ä. verscherbeln dürfen.



Die Wahrheit ist: Es gibt kaum noch echte Qualitätsprodukte wie einst „Made in Germany“, die wir kaufen könnten. Egal, wieviel wir bereit wären zu bezahlen. Und viele Deutsche wären heute mehr denn je dazu bereit – aber es ist nicht mehr möglich. Immer mehr Waren werden von immer weniger Konzernen weltweit produziert. Hinter dem scheinbar riesigen Warenangebot in den Ladenregalen stecken nur noch wenige, mächtige globale Hersteller. Die haben mit Qualitätsansprüchen, wie wir sie noch kennen, nichts im Sinn. Ihre Logik: Je schlechter die Qualität, desto öfter müssen die Leute alles neu kaufen.



Über die Medien wird dann immer die gleiche Botschaft lanciert: „Die Verbraucher wollen das so“. Aha, wir wollen also am liebsten nur noch Schrott aus Fernost für wenig Geld kaufen? Diese Botschaft ist eine der frechsten PR-Lügen überhaupt. In Wahrheit ist niemals auch nur irgendein Verbraucher gefragt worden. Da die meisten Deutschen in irgendeiner Weise von der Auslagerungsstrategie der Konzerne, egal in welchem Bereich, betroffen sind, ist es geradezu absurd zu behaupten, daß wir den Verlust unserer eigenen Arbeitsplätze mit allen finanziellen Folgen auch noch selbst gewollt haben sollen.



Keine Arbeit, aber billig einkaufen? Diese Logik geht nur für diejenigen auf, die davon profitieren. Und das sind ganz sicher nicht wir „geizigen“ Bürger…

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