Dienstag, 5. Mai 2015

Traum und Untergang der Wehrsportgruppe Hoffmann IV: Das Schloss



Sommer 1979, Franken

Trotz aller Widrigkeiten und in ständiger versammlungsrechtlicher Auseinandersetzung mit der Justiz der BRD hat sich die WSG im Jahr 1979 überregional etabliert. An einer Reihe von externen Standorten gibt es nun Stammabteilungen, und die Zahl der Mitglieder geht in die Hunderte. Mit ihren medienwirksamen Aktionen hat sich die WSG eine bundesweite Bekanntheit zugezogen, und Hoffmann organisiert Arbeitseinsätze auf Schloss Ermreuth. Das Schloss ist in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend verfallen, stand kurz vor dem Abriss. Jetzt werden mit großem Aufwand die tiefgehenden statischen Probleme behoben und die Männer der WSG decken das Dach.

Mit der Sanierung setzt sich die WSG im wahrsten Sinn des Wortes ein Denkmal; der Verfassungsschutz schafft es trotz großer Anstrengungen nicht, Hoffmann die Kontrolle über das Anwesen zu entziehen. Noch nach Ablauf des Vorverkaufsrechts der Gemeinde hatten sich zwei Beamte des Verfassungsschutzes der Vorbesitzerin Elisabeth K. offen zu erkennen gegeben und sie nach deren eigenem Zeugnis wie folgt angesprochen:

„Frau K., denken Sie darüber nach, wenn Sie eine Möglichkeit haben, den Verkauf des Ermreuther Schlosses an die Hoffmanns wieder rückgängig zu machen, zahlen wir Ihnen jeden Betrag.“

Auf die ungläubige Nachfrage von Frau K. wird das Angebot im Wortlaut bestätigt.

Hoffmann macht Ermreuth zu einem Zentrum des Lebens der WSG, organisiert dort Pressetermine und Fernsehdreharbeiten. Noch Jahrzehnte später zeugt der Hass einzelner abtrünniger WSGler auf die damaligen Sanierungsanstrengungen von der Echtheit des Gefühls, das mit der Rettung des mittelalterlichen Schlosses verbunden ist.

Die Männer tragen bei den Veranstaltungen auf Ermreuth poppige T-Shirts mit der Silhouette des „Chefs“ und kommen, nicht zuletzt aufgrund des Arbeitseinsatzes in Ermreuth, bei der Bevölkerung in Franken gut an.

Organisatorisch hat die WSG in diesem Sommer 1979 einen Stand erreicht, der vom „Küchenzug“ in Neuburg an der Donau über Stammabteilungen in anderen Städten und spezialisierten Trupps bis zum Wachdienst in Hoffmanns Heroldsberger Villa reicht. Der „Chef“ ist, wie es im Internetzeitalter heißen wird, „Kult“, zumindest bei den Rechten, öfter auch bei politisch ungebundenen Männern und bei einzelnen Linken. Die Organisation gibt sich unpolitisch, aber Hoffmann tritt zunehmend bei zivilen Veranstaltungen als politischer Redner auf.

Kaum jemand ahnt, dass die WSG ihren Nebenzweck als Propagandainstrument erfüllt hat und kurz vor der Selbstauflösung steht. Das zwiespältige, wenn auch wirksame Spiel mit den Medien soll nach dem Ende der Organisation auf einer politischen Ebene fortgeführt werden, mit einem Saalschutz, der sich aus den Männern der WSG rekrutiert. Zumindest stellt sich Hoffmann das in diesem Sommer 1979 so vor.

Wer unter Hoffmanns Gegnern oder Anhängern hätte sich in einer solchen Situation ausgemalt, dass die Zeit der WSG ihrem Ende zugeht, außer Hoffmann selbst, der seine politischen Pläne konkretisiert, und jene Kräfte, die drauf und dran sind, der Selbstauflösung der WSG mit einem Verbot zuvorzukommen?

Das Jahr 1979 ist das letzte Jahr des Bestehens der WSG. Als sich Hoffmann im Herbst mit dem unter falschem Namen auftretenden Agenten Werner Mauss trifft, ist ihm nicht klar, welche Fallen man ihm zu stellen im Begriff ist. Bei aller Vorsicht, bei allem Misstrauen wird nicht erkennbar und auch nicht vorstellbar, was der Mann mit dem grotesken Haarschopf und dem fehlenden Fingerglied von ihm will.

Es ist der Spätherbst 1979. Wenige Monate später wird die WSG als Organisation Geschichte sein.




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