Sonntag, 19. April 2015

Traum und Untergang der Wehrsportgruppe Hoffmann II: Das Experiment



Sommer 1973, Schloss Almoshof bei Nürnberg

Die Idee einer absolut realen Gegenwelt, in der man schon das lebt, was die Obrigkeit mit der so genannten Gesellschaftsordnung noch nicht so recht zulassen will, der Traum ein Leben, in dem Verständnis, Freundschaft und Kameradschaft, aber auch Leistung und eine hohe Verbindlichkeit vorherrschen und dem Menschen eine greifbare Alternative zur Spätkultur bieten, ist die treibende Kraft hinter der Modernisierung der westlichen Welt.

Der konservative Philosoph Arnold Gehlen formuliert diesen Gedanken ebenso wie viele Linke; und die Linken setzen das in alternativen Kinderläden, in Kommunen und Lesezirkeln oder gewalttätigen Straßenaktionen um. Dieser Traum, der in Deutschland natürlich einen sehr ernsten Hintergrund und eine harte Praxis hat, ergreift auch Karl Heinz Hoffmann, allerdings in einem anderen Sinn. Aufgewühlt von der Lektüre früher ökologiekritischer Schriften und geleitet von der Vorstellung, dass die Erneuerung der westlichen Welt nicht den Linken überlassen werden darf, die auf dem Territorium der BRD womöglich östliche Verhältnisse schaffen wollen, macht er sich an ein sozialpädagogisches Experiment. 

Hoffmann lernt zwei junge Männer kennen, die selbst wiederum jeweils eine Handvoll Burschen mitbringen, und so entsteht die Keimzelle jenes Gebildes, das sich in den kommenden Jahren sowohl seinem Selbstverständnis als auch seiner faktischen Struktur nach und vor allem in seiner öffentlichen Wahrnehmung ständig wandeln und zu einem der merkwürdigsten Mythen der frühen so genannten Mediengesellschaft entwickeln wird.

Hoffmann nimmt die jungen Burschen, oft nur 16 Jahre und wenig älter, wie sie sind. Unter den ersten WSG-Männern finden sich auch Jugendliche, die als schwierig gelten, vielleicht, weil sie es als Ausländer oder Söhne von Besatzungssoldaten nicht immer leicht hatten. Einer dieser „Amerikaner“, der spätere Unterführer Leroy Paul, sollte bis zum Ende des Libanon-Projekts für Hoffmann einstehen.

Man trainiert im Gelände und mit Anscheinwaffen, die Uniformierung ist noch nicht perfekt. Von der späteren zwar waffenlosen, so doch militärisch geschliffenen Miliz ist in diesem Sommer 1973 noch nicht viel zu sehen. Hoffmann schreibt einen Brief an die örtliche Polizei, damit es keine Probleme mit den Ordnungshütern gibt. Diese erklären sich für nicht zuständig; das Ordnungsamt sei es. Die WSG trainiert am Wochenende, die Wochentage gehören dem bürgerlichen Leben, auch wenn Hoffmann einzelne Burschen im Rahmen seines sozialpädagogischen Experiments, das der Verwahrlosung und der Beliebigkeit entgegen wirken soll, mit Nachdruck in dieses bürgerliche Leben zurückholen muss.

Junge Unteroffiziere der Bundeswehr übernehmen die Formalausbildung der zumeist jugendlichen WSG-Männer der ersten Stunde. Nach einer Episode als organisatorischer Teil des „Jung Stahlhelm“ findet im Frühjahr 1974 ein Fernsehdreh statt. Dieser Termin stellt eine Zäsur dar; plötzlich berichtet auch der „Stern“ von der rätselhaften Wehrsportgruppe aus Franken und stilisiert sie zur Nazi-Truppe.

Die Öffentlichkeit nimmt die Organisation wahr, und die Behörden beginnen, Druck auf Hoffmann und seine Leute auszuüben. Man weiß nicht so recht, wie einem geschieht, bei der Truppe, wie man von außen bewertet wird, wie man sich dazu verhalten soll. Beamte schauen bei einem WSG-Mann italienischer Herkunft vorbei und drohen seinen Eltern, sie würden in ihre Heimat abgeschoben, wenn der Sohn weiter solche Mätzchen mache. 

Unter der hysterischen Federführung der Medien entwickelt sich ein provokantes Verhältnis zwischen Hoffmann und den Behörden; es kommt zur ersten Hausdurchsuchung. Zuvor war schon einmal ein Beamter in Schloss Almoshof vorbeigekommen und hatte informell dazu aufgefordert, doch die Marschiererei zu unterlassen. Bei der Hausdurchsuchung wird ein politisches Manifest Hoffmanns gefunden, das unter anderem die rechtsradikalen Forderungen der territorialen Wiedervereinigung des deutschen Volks, der Verstaatlichung der Großbanken und einer ökologischen Reform der Wirtschaft unter den Vorzeichen der europäischen Einigung enthält.

Im Dauerfeuer der Medien und der Politik, aber auch der Polizeibehörden und des Verfassungsschutzes, wandelt sich das Personal der WSG. Die Medienberichterstattung zieht zunehmend auch „rechte“ junge Männer an. In diesem Anfang der tragischen Verschärfung von behördlicher Unterdrückung auf der einen und rebellischer Schläue auf der anderen Seite wird Hoffmann immer mehr zu einem Spielball, einem Phantom der Medienberichterstattung. Je mehr man die WSG einzuschränken und mit Prozessen wegen nichtiger Tatbestände des Versammlungsgesetzes zu schikanieren sucht, desto fester wird Hoffmann in seinem Bestreben, sich die Willkür nicht gefallen zu lassen.

In dieser Frühzeit der WSG meldet sich einer ihrer Intimfeinde zu Wort; Hans Dietrich Genscher bezeichnet die WSG als „politisch bedenklich“ und setzt wohl so manchen Hebel in Bewegung, um die Truppe aus dem Tritt zu bringen. Doch die Obrigkeit ist mit ihren überheblichen Aktionen an den Falschen geraten. Die endlosen Prozesse wegen des § 3 Versammlungsgesetz, der das Tragen einheitlicher Kleidung bei politischen Veranstaltungen verbietet, spornen Hoffmann bloß zur entsprechenden Anpassung der Verhaltensweisen der WSG an. Spitzfindigkeiten und Böswilligkeiten werden ausgetauscht; und die Presse beginnt, sich am Nazi-Phantom Hoffmann auszutoben. Hoffmann wird trotzdem populär, vor allem in Bayern.

Gegen Ende 1974 hat sich das Durchschnittsalter der WSG-Männer deutlich erhöht. Das sozialpädagogische Experiment hat sich in eine funktionale Gegenwelt gewandelt, die unter dem Druck der Behörden und in der wachsenden Dämonisierung durch die Massenmedien ihr Eigenleben entfaltet. Das öffentliche Bild der Wehrsportgruppe Hoffmann beginnt sich als ein zählebiger, abstruser Mythos in die Köpfe der Menschen zu fressen, und die WSG zieht sich, angesichts der Verfolgung, zunehmend in einen eigenen Bereich zurück, unterbrochen von Momenten der Propaganda, die der Werbegraphiker Hoffmann wirksam anzubringen versteht.

Nur wenige, ländliche Menschen in der Umgebung der handelnden Personen der WSG wahren einen klaren Blick und einen gesunden Humor im Umgang mit diesem wahrlich postmodernen Phänomen, das noch tragische Ausmaße annehmen sollte.


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