Sonntag, 29. März 2015

Verdachtsadel im Verfall: Krücken für Ulrich Chaussy I



von Rudolf Brettschneider


März 2015, Plattenbau in Preußen

Nachdem die Redaktion eine Reihe von Beschwerden über die Irrtümer eines hohen Tiers des Verdachtsjournalismus in der BRD erreicht haben, musste nun doch gehandelt werden. Es kann nicht angehen, dass ältere Leute in diesem Land vollkommen hilflos ihrem Schicksal der Unwissenheit überlassen werden und dann am Ende Gefahr laufen, die Öffentlichkeit zu beunruhigen. Wer noch Jahrzehnte nach dem Oktoberfestanschlag auch von diesem lebt und dann aus seiner eigenen leeren Festplatte eine Empörung über die Ahnungslosigkeit der Öffentlichkeit macht, dem zeigen wir uns solidarisch.

Dem mit dem Handy in der Mediathek der ARD erwischten Alt-Experten und Aktenfex Chaussy sagen wir feierlich nach, dass er gar nichts weiß, was zur Aufklärung des Staatsverbrechens beitragen könnte. Er hält den Bereich der V-Leute in der Wehrsportgruppe Hoffmann für vollkommen dunkel; und das wird stimmen, was das eigene Wissen angeht. Das eigene Wissen eines Staatsclowns ist aber nicht alles auf der Welt, wie im Folgenden zu zeigen sein wird.

Der Mann erklärt, dass Odfried Hepp in seiner Zeit als Mitglied der WSG-Ausland im Libanon mit den Geheimdiensten in Verbindung gestanden habe. Das ist falsch; Hepp nahm seine Informantentätigkeit für das MfS erst 1982 auf, nach der Auflösung der WSG-Ausland. Und: Hepp war kein Mitglied der WSG Hoffmann vor dem 30.1. 1980, dem Tag ihres Verbots. Für die Annahme, dass Hepp für einen westlichen Dienst tätig war, gibt es keine Hinweise, und seine Taten nach 1981 lassen eine solche Vorstellung vollkommen absurd erscheinen.

Diese Tatsachen, die im Grunde mit dem Oktoberfestattentat nichts zu tun haben, sind aber dennoch eng mit ihm verbunden durch das Geraune des Experten, der seine eigenen Recherchelücken für einen Ansatz zur Aufklärung des Anschlags hält.

Was den – angeblich – zweiten von Herrn Chaussy erwähnten V-Mann der Dienste in der WSG-Ausland, Walter Ulrich Behle, betrifft, so ist zu sagen, dass der Mann freilich aufwändig und unter Lebensgefahr als Agent der BRD enttarnt worden ist, wenn auch nicht von dem filmreifen Journalisten. Behles unheilvolle Intrigen werden an dieser Stelle noch auf ganz andere Art, als dies Chaussy passen dürfte, zu erhellen sein.

Die Stasi war es also nicht; und was den VS und den BND angeht, so ist keiner derjenigen, die ein Chaussy unter Verdacht stellen könnte, im Umfeld des Oktoberfestanschlags auch nur annährend auffällig geworden. Das Scheitern der Verdachtstheorie des Experten, im Libanon sei das Verbrechen von der WSG, selbstverständlich unter Beteiligung von V-Leuten (die bekanntlich Pop sind), ausgeheckt worden, ließe sich freilich auch damit erklären, dass Chaussy in seiner Dämonisierungslust alle jene potenziellen Agenten im Libanon ausspart, die nicht Mitglied der WSG-Ausland waren.

Jeder, der sich auch nur ein paar Tage mit der WSG-Ausland und den dazu verfügbaren, halbwegs glaubwürdigen Quellen auseinandersetzt, stößt auf den Namen Udo Albrecht. Nur Chaussy nicht in seiner dokumentierten Stellungnahme; aber bei dem ist ja nichts aufgeklärt, während bei Albrecht das Allermeiste im Hinblick auf dessen Rolle bei der Vorbereitung und Durchführung der BND-Intrige gegen die WSG aufgeklärt ist. Der Verdachtsjournalist befindet sich also doppelt im Irrtum. 

Doppelt auch Albrechts Spiel. – Für jene Leser, die nicht über das nötige Hintergrundwissen verfügen, sich also annähernd auf dem Wissensstand des Staatsdieners Chaussy befinden, ist erläuternd zu erwähnen, dass sich Albrecht im Lauf der 70er-Jahre vom BND zunächst erpresserisch anwerben ließ und anschließend die Hoffmann-Gruppe in den Libanon dirigierte, genau in jenes Lager, in dem zuvor die RAF ihre militärische Ausbildung erhalten hatte. Albrecht inszenierte dann, wie auch die Genossen erkannten, als Ausbrecherkönig mit Hilfe des BND eine Flucht über die innerdeutsche Grenze.

Er war es, der Leuten mit Hilfe von Geheimdiensten “Spezialausbildungen” mit europäischer Perspektive angedeihen lassen wollte, und zwar im Auftrag des BND.

Dieser Mann, ein BND-Agent, der die Stasi vorzuführen versuchte, aber natürlich durchschaut war, bevor er zu seinen Vernehmungs-Lügen ansetzen konnte, war kein Mitglied der WSG-Ausland. Er war es, der wesentliche Teile jener Intrige, die sich ums Oktoberfestattentat rankt, in Szene setzte. Diese Dinge passen aber halt gar nicht in das Konzept des im Handyvideo dokumentierten Experten.

Chaussy irrt sich in der Zielscheibe. Ihm wird im Folgenden noch eingehend zu helfen sein; ein Panoptikum der V-Leute soll sich vor ihm ausbreiten und er wird am Ende verstehen.


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