Montag, 16. Februar 2015

Karneval: Wirklich noch Kritik an der Obrigkeit?



In deutschen Landen hat der Karneval eine lange und regional unterschiedliche Tradition. Der bekannteste Karneval dürfte wohl der Kölner Karneval mit seinen öffentlichen Straßenumzügen wie dem Schull- und Veedelszöch sein. Höhepunkt ist natürlich der Rosenmontag mit dem großen Rosenmontagszug.

Das Karnevalstreiben gab es schon im Mittelalter. Ursprünglich war es eine Art närrisches Winteraustreiben kurz vor dem Frühling. Die Fastnacht beispielweise ging aber auch auf die christliche Fastenzeit vor dem Osterfest zurück. Die luthersche Reformation stellte die vorösterliche Fastenzeit in Frage, womit die Fastnacht ihre Bedeutung verlor. Der Karneval galt grundsätzlich schon damals als exzessiv und schwer zu steuern, weshalb der Obrigkeit dieses Treiben äußerst suspekt erschien. Sicher hatten die Machthaber auch zu damaliger Zeit schon Angst davor, dass ein solches Treiben irgendwann so weit gehen könnte, dass es ihre Macht in Frage stellt.

Deshalb wurden schon zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert immer wieder Karnevalsumzüge von der Obrigkeit verboten und als „Mummenschanz“ oder „heidnische Tobung“ inkriminiert. Infolge der französischen Revolution und dem Einmarsch von Napoleons Truppen wurden Karnevalsumzüge erst recht verboten oder aufgelöst. 1804 wurde der Karneval zwar wieder erlaubt, galt aber als rüpelhaft und wurde weiterhin mit Skepsis betrachtet. Zu dieser Zeit tauchte der allseits bekannte Ruf „Kölle Alaaf“ als Toast-Ruf für den späteren König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen während seines Besuches in Köln auf.

Leider typisch für deutsches Obrigkeitsdenken: Das Bürgertum feierte zwar heimlich hinter verschlossenen Türen nach wie vor närrische Maskenbälle, aber der Straßenkarneval war nahezu ausgestorben. Erst acht Jahre nach dem Abzug der Franzosen wurde der Kölner Karneval 1823 mit der Gründung des „Festordnenden Comitees“ neu organisiert und auch neu interpretiert, nämlich als Kritik an der (fremden) Obrigkeit, als „kulturpolitischer Streich mit humoristischem Ambiente“. Ähnlich wie früher sich nur der Hofnarr über den König lustig machen durfte, ohne dafür sein Leben zu verlieren, wollten die Bürger nun die närrische Jahreszeit dafür nutzen, sich ungestraft über die Obrigkeit lustig zu machen.

Was von diesem gut gemeinten Gedanken heute noch übrig geblieben ist, davon kann sich jeder selbst ein Bild machen, der sich die heutigen Umzüge und Büttenreden anschaut. Wirklich politische, nicht-obrigkeitshörige Büttenredner gibt es leider kaum noch. Der tiefgehende politische Witz, der von den Machthabern früher gefürchtet war, verflacht zusehends in der politischen Korrektheit der umerzogenen Anpassung. Seit Jahren gleichen sich die Bilder aus Köln, Düsseldorf, Mainz und anderswo: Es geht zu wie auf Malle, alles ist nur noch eine großen Party. Es ist nicht mehr viel, was den Karneval noch von allen anderen Exzessen der bundesrepublikanischen Spaßgesellschaft unterscheidet. Und das ist echt schade, denn hier geht eine alte Tradition vor die Hunde.

Wo bleibt die Kritik an der (fremden) Obrigkeit, wenn der Rosenmontagszug 1991 wegen des Beginns des zweiten Golfkrieges abgesagt wird? Die Amis haben diesen Krieg vom Zaun gebrochen und ihre Vasallen in Bonn haben tapfer zugeschaut. Gerade da hätten wir einen besonders bissigen Rosenmontagszug gebraucht!

Und wo bleibt die Kritik an der (fremden) Obrigkeit, wenn ein „Charlie-Hebdo-Wagen“ im Zug mitfährt? Das ist doch duckmäuserisches Herumpolitisieren ganz im Sinne der westlichen Machtelite, nichts anderes. Und dann noch dieses bürgerliche Hin- und Her: Erst den geplanten Wagen zurückziehen, dann doch irgendwie reinschmuggeln. Keine klare Haltung gegenüber der (fremden) Obrigkeit…

Dabei hat sich ja seit dem Einmarsch Napoleons eigentlich nichts geändert. Wir stehen wieder einmal – wie so oft in unserer Geschichte – unter der Knute einer fremden, US-amerikanischen Obrigkeit, denen unsere fremdgesteuerten Politiker ergebenst zu Füßen liegen. Und wir haben auch schon fast wieder Verhältnisse wie im Mittelalter erreicht, wo ernsthafte Kritik an der Obrigkeit nur noch im Narrenkostüm geübt werden kann, wenn man nicht durch die staatlichen Sicherheitsbehörden erfasst, verfolgt und mundtot gemacht werden will.

Und Verbote gibt es im Karneval neuerdings auch schon wieder. In Braunschweig nämlich, wo der traditionelle Umzug am gestrigen Karnevalssonntag „abgesagt“ worden war, weil die Obrigkeit das mit einem „Totschlag-Argument“ mehr oder minder erzwungen hat, was einem Verbot faktisch gleich kommt. Angeblich sei aus „sicheren Staatsschutzquellen“ bekannt geworden, dass Anschläge auf den Umzug geplant gewesen seien. Natürlich von Islamisten, wie die Obrigkeit gerne behauptet. Belegen kann sie es aber nicht. Was „sichere Staatsschutzquellen“ sind, das bleibt ebenso offen wie das, was da genau bekannt wurde. Hinter solchen „Staatsschutz“-Verklausulierungen könnten auch sehr gut fingierte Anschlagdrohungen von CIA & Co. stecken, um weiter Panik zu schüren.

Aber auch hier ist der Karneval leider schon weit entfernt von der Kritik an der (fremden) Obrigkeit. Man knickt lieber ein und läßt sich gängeln, wie einst von den Franzosen oder den Machthabern aus Rom. In diesem Sinne: Helau und Alaaf, wir Deutschen sind mal wieder im Arsch…

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